Fake News (2004)

Video PAL 4:3 Farbe Stereo Laufzeit 6:30
Uraufführung: transmediale 2004 Berlin

Szenenfoto aus ‚Fake News‘ © Herwig Hoffmann 2004

Das Projekt ‚Fake News‘ ist eine vollständig am Computer entworfene und umgesetzte Nachrichtensendung. In einer Abfolge mehrerer Live-Berichte und Studionachrichten wird über einen fiktiven Terroranschlag an Industrieanlagen im Karlsruher Rheinhafen und am AKW Philippsburg berichtet. Es werden Sensationsbilder geliefert, welche in der Wertung der Sendung auf nüchterne Information und reine Fakten heruntergespielt werden. Bis zuletzt bleibt offen, ob es sich um einen nuklearen Ernstfall handelt.

Was ist wahr und was unwahr? Was ist Realität? Kann das sein? Nachrichten lügen eigentlich nicht.

Doch ‚Fake News‘ täuscht; in dem live über mehrere Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes berichtet wird. Die Nachrichtensprecherin beruhigt den Zuschauer, denn die behördliche Stellungnahme schließt jegliche Gefahr für Mensch und Umwelt aus. Mit der Simulation eines Newsberichts werden antrainierte Seh- und Hörgewohnheiten der Zuschauer in die Irre geführt. In Tradition zu Orson Welles Hörspiel „War of the Worlds“ werden hierbei durch Übernahme und Aufbrechen Codes neu kombiniert. Die Reportage wird allgemein als wahr angenommen, authentische Bilder liefern Informationen zu mehreren Katastrophen, welche kühl, professionell und emotionslos von einer Nachrichtensprecherin kommentiert werden.

„Dissimulieren heißt fingieren, etwas, das man hat, nicht zu haben. Simulieren heißt fingieren, etwas zu haben, was man nicht hat. Das eine verweist auf eine Präsenz, das andere auf eine Absenz.“(Jean Baudrillard, Agonie des Realen) Simulieren bedeutet, durch Imitation einen Zustand vorzutäuschen, Dissimilieren, durch Wegnahme etwas zu tarnen. Um dem Publikum einen Zustand vorzutäuschen, imitiert man ihn über Simulation – oder man enthält dem Publikum Information vor, die einen Zustand, wie er real vorhanden ist, beschreibt. Das Vortäuschen fiktiver (computergenerierter) Live-Bilder von brennenden Öl-Raffinerieanlage in ‚Fake News‘, im Gegensatz zu einer realen Nachrichtensendung, in welcher durch Zensur oder dem Vorenthalten von Information die Aussage ins Gegenteil verdreht wird- beides täuscht den Zuschauer.

‚Fake News‘ macht die Pseudo-Transparenz des Massenmediums sichtbar, in dem Funktionsabläufe offengelegt werden, mit denen das Medium vorgibt, eine ungefilterte Wiedergabe von Wirklichkeit zu sein und dabei jeglichen Einfluss auf ein gesellschaftliches Bewusstsein leugnet. ‚Fake News‘ stellt die Weiterentwicklung eines neuen Formats da, welche eine fiktive Handlung als Nachrichtensendung zum Inhalt hat. Der Spannungsbogen findet im Zuschauer statt, die mit ntv_newsfake inszenierte Simulation erweitert sich innerhalb seiner Phantasie über den realen Raum hinaus durch die Unfassbarkeit der apokalyptischen Ereignisse.

Arbeitstitel: Der CNN Fake, Version 2c
(Script Herwig Hoffmann)

KARLSRUHE, 02. JULI 2002 überarbeitete Fassung 27. August 2003 ADAPTION FREI NACH ORSON WELLES „WAR OF THE WORLDS“ AUF DEM HINTERGRUND DER TERRORSCHLÄGE VOM 11. SEPTEMBER 2001

Unterbrechung des laufenden Fernsehprogramms. Studiosituation des Senders n-vt. Sprecherin in hellem Kostüm. Börsenlaufleiste im unteren Bildrand. n-tv typische Bildästhetik. Einblendung aktueller Bildinhalte über den Bluescreen-Hintergrund.

Karin Willmuth: Sehr geehrte Damen und Herren, wir unterbrechen unser laufendes Programm für eine dringende Meldung. Heute Mittag vierzehn Uhr dreißig wurde der Landkreis Karlsruhe von mehreren Erschütterungen heimgesucht. Experten registrierten ein Erdbeben mit Stärke sechs auf der Richterskala. Der Region wurde bisher keine akute Erdbebengefährdung zugerechnet. Das Epizentrum liegt dreißig Kilometer nördlich von Karlsruhe. Ausläufer des Bebens wurden auch in der Region Stuttgart gemessen. Meldungen über Schäden an Personen oder Gebäuden liegen bisher nicht vor. Wir warten jedoch noch auf Informationen bezüglich möglicher Auswirkungen auf die umfangreichen Industrieanlagen des Großraumes Karlsruhe. Wir schalten nun zum Sprecher des geophysikalischen Instituts Herrn Dr. Kleist.

Es wird live der Sprecher des geophysikalischen Instituts Karlsruhe Dr. Kleist zugeschaltet. Im Hintergrund von Frau Willmuth, Moderatorin n-tv wird ein Bild des Instituts Karlsruhe eingeblendet, im linken unteren Bildrand ist ein Photo des Institutssprechers eingeblendet. Es ist eingeblendet: „Herr Dr. Kleist, Sprecher des geophysikalischen Instituts Karlsruhe“.

Karin Willmuth: Herr Dr. Kleist, wie hat sich das Beben auf den Großraum Karlsruhe ausgewirkt?

Dr. Kleist: (aus dem Off- telefonverzerrte Verbindung) Guten Tag Frau Willmuth. (Pause) Das Beben war bei uns sehr deutlich spürbar, und zwar in einer schnellen Folge kurzer Erdstöße. Wir gehen davon aus, das heute aufgetretene geologische Phänomen wurde von der sogenannten „Vertikale Krustenbewegungen des Rheinischen Schildes“ hervorgerufen. Im Vergleich mit den Mittelmeerländern ist die Häufigkeit starker Erdbeben in Süddeutschland jedoch relativ gering.

Bild neben der Sprecherin wechselt, Standbild vom AKW Philippsburg mit Schriftzug.

Karin Willmuth: Vielen Dank Herr Dr. Kleist nach Karlsruhe.
Sehr geehrte Damen und Herren, in der Zwischenzeit ist eine weitere dringende Meldung in unserer Redaktion eingegangen, die ebenfalls das Karlsruher Umland betrifft. Augenzeugen beobachteten heute Mittag starke Rauchentwicklung über den Kühltürmen des Atomkraftwerks Philippsburg. Das Philippsburger AKW war in den letzten Jahren mehrfach wegen Störfällen in die Schlagzeilen der nationalen Presse geraten. Die Betreibergesellschaft EnBW war bisher zu keiner Stellungnahme bezüglich der aktuellen Ereignisse bereit. Wir schalteten nun direkt nach Philippsburg zu unserem Korrespondenten Martin Ludwig.

Harter Schnitt. Vollbild Videoaufnahme mit Zooms, schlechte Amateurqualität, AKW Philippsburg, beide Kühltürme, aus einem quillt schwarzer Rauch hervor. n-tv/ CNN Logo mit Börsenlaufleiste.

Szenenfoto aus ‚Fake News‘ © Herwig Hoffmann 2004

Martin Ludwig (voice-over): (aufgeregte Stimme) Sehr geehrte Damen und Herren, dieses Bild bot sich heute Mittag ab circa 13:45 den Bewohnern der kleinen Ortschaft Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Wir sehen hier den rechten Kühlturm des Blocks II des AKW Philippsburg, aus dem schwarzer Rauch austritt. Die Aufnahmen wurden größtenteils von einem Videoamateur gefilmt, der sich vor Ort befand. Was hier passiert, ist für uns Ausgangspunkt für eine Reihe Spekulationen, die von Betreiberseite bisher weder bestätigt, noch dementiert wurden. Bisher hat man scheinbar nur die örtlichen Behörden informiert, dass wohl keinerlei Gefahr für Mensch und Umwelt bestünde. Ob es sich um einen Defekt oder Brand handelt kann bisher nur vermutet werden. Die behördliche, schriftliche Stellungnahme geht lediglich davon aus, dass es sich in keinem Fall um einen terroristischen Anschlag handelt. Bisher wurden weder die örtliche Feuerwehr noch örtliche Sicherheitskräfte angefordert. Die Menschen hier sind voller Sorge, die Angst sitzt tief, sind doch Vergleiche zu den Terrorschlägen vom 11. September, wenn man diese Bilder sieht, durchaus nachvollziehbar. Ob und in welchem Zusammenhang die starke Rauchentwicklung mit dem ebenfalls heute Mittag gemeldeten Erdbeben steht, ist hier vor Ort jedenfalls bisher nicht ersichtlich. Wir werden weiterhin vor Ort mit den neuesten Entwicklungen um das AKW Philippsburg berichten. Vielen Dank, ich gebe hiermit zurück ins Studio.

Harter Schnitt. Fortlaufende Videosequenz von Philippsburg verkleinert seitlich im Studio oder im Hintergrund der Sprecherin. Dann Wechsel der Sequenz Karte ‚Karlsruhe’ mit kommentierender Titelleiste ‚Karlsruhe heute Mittag’.

Karin Willmuth: Vielen Dank nach Karlsruhe Philippsburg zu Martin Ludwig. In der Zwischenzeit haben wir weitere Meldungen vorliegen. Die Ereignisse überstürzen sich: An mehreren Industrieanlagen im Rheinhafen Karlsruhe werden Brände oder Explosionen gemeldet. In mehreren Stadtteilen ist es zum Zusammenbruch der Stromversorgung und der Telefonverbindung gekommen. Bilder liegen uns bisher nicht vor. Ob die Ereignisse durch das Erdbeben ausgelöst wurden, ist weiterhin unklar, da es zeitlich schon vor den registrierten Erschütterungen zu Unfällen gekommen ist. In einer Stellungnahme der örtlichen Behörden wird ein terroristischer Anschlag ausgeschlossen. —- (Pause) Ich bekomme gerade die Information, dass uns nun Bilder von unserem Korrespondenten vor Ort erreichen.

Im Hintergrund laufen die Videosequenzen an. Zoom Full- Screen.

Szenenfoto aus ‚Fake News‘ © Herwig Hoffmann 2004

Karsten Friedmann: Wir befinden uns hier nahe der großen Industrieanliegen im Rheinhafen Karlsruhe. Was hier passiert ist unbeschreiblich. Der Katastrophenschutz hat schon gemeinsam mit der Polizei das Gebiet weiträumig gesperrt. Es ist schwierig, sich ein genaues Bild von der Lage zu machen. In einer Reihe von Explosionen ist ein Teil der Öl-Raffinerie-Anlagen in Flammen aufgegangen! Über mögliche Tote und Verletzte ist noch nichts bekannt gegeben worden! Die Bilder, welche wir jetzt sehen … ich weiß gar nicht genau wo das jetzt ist … jedenfalls sind diese Aufnahmen von heute morgen circa halb elf, soweit wir hier wissen. In der Zwischenzeit ist es nur noch Rettungskräften gestattet, sich in diesem Teil des Hafens aufzuhalten. Wir können nur hoffen, dass die Brände zur Minute weitestgehend unter Kontrolle der örtlichen Einsatzkräfte sind. (Telefonverbindung zum Korrespondenten wird massiv schlechter und bricht dann völlig zusammen) Wir warten ….. (spätestens hier keine Verbindung mehr- Videobild bricht ebenfalls zusammen.)

Das Videobild verschwindet im Bildrauschen. Die Sprecherin wendet sich wieder der Kamera zu.

Karin Willmuth: … die Verbindung ist leider zusammengebrochen. Sehr geehrte Damen und Herren, aus akutem Anlass berichten wir hier live aus unserem Studio über die Ereignisse des heutigen Tages in Karlsruhe, Baden- Württemberg. Wir schalten erneut nach Philippsburg, wo unser Korrespondent Martin Ludwig die momentane Situation für uns kommentiert. (Pause) Herr Ludwig, wie hat sich die Situation in Philippsburg vor Ort entwickelt?

Szenenfoto aus ‚Fake News‘ © Herwig Hoffmann 2004

Einblendung Standbild AKW Philippsburg, dann harter Schnitt auf den Kühlturm, aus welchem schwarzer Rauch hervorquillt. Plötzlich bricht in einer Art Explosion der obere Teil des Turm weg. Es sind umherfliegende Teile zu erkennen.

Martin Ludwig (voice-over): Was wir hier sehen, hat sich vor knapp sieben Minuten ereignet. Das obere Drittel des rechten Kühlturms wurde abgesprengt. Zahlreiche größerer Trümmerteile sind dabei über mehrere hundert Meter weit geschleudert worden. Wie zu erkennen ist, wurde vermutlich auch der zweite Kühlturm von Block II durch die Explosion erheblich beschädigt. Inzwischen bestehen fast keine Zweifel mehr, dass ein größeres Feuer im AKW Philippsburg ausgebrochen ist. Die Betreibergesellschaft EnBW hat in einer kurzen Stellungnahme erklärt, die Situation völlig unter Kontrolle zu haben. Dies lässt sich hier von uns unter den augenblicklichen Umständen weder bestätigen, noch dementieren. (Verbindung bricht zusammen)

Harter Schnitt auf die Sprecherin im Studio.

Karin Willmuth: Sehr geehrte Damen und Herren, aus aktuellem Anlass, berichten wir live aus unserem Studio über die aktuellen Ereignisse in Karlsruhe, Baden- Württemberg. Wir halten Sie weiterhin auf dem Laufenden über die neuesten Entwicklungen. Vielen Dank.

ENDE

Darsteller:
ntv Redakteurin Karin Willmuth – Margit Rosen
Geologe Dr. Kleist – Udo Schoen
ntv Korrespondent Martin Ludwig – Jan Gerbauer
ntv Korrespondent Karsten Friedmann – Yves Grimmler

Kamera: Mark Teuscher
Licht: Oliver Boeg

3D Departement:
Erdbebensimulation – Julia Herzog
AKW Sequenzen – Andreas Schuster
Luftaufnahmen – Julia Herzog, Michael Saup
Helikopterflug Rheinhafen – Malte Paetsch